Lieber Gott und böse Mutter

Im Zeitalter der globalen Erwärmung ist unsere Beziehung zur Natur von einem Gefühl geprägt: Angst.

Angst um die Natur. Angst vor der Natur.

Jeder zweite Mensch in unserem Kulturkreis hat Angst im Wald.

Ein Drittel aller Eltern in Deutschland würde sein Kind nicht im Wald spielen lassen, 90% nur in Begleitung Erwachsener.

Wovor haben wir denn solche Angst? Bären? Wölfe? Räuber? Asylbewerber???

Aber im Urlaub: Da holen wir die Wanderstiefel raus. Die Goretexjacke. Sind wild entschlossen, uns nicht vom Regen ins Drei-Sterne-Apartement jagen zu lassen. Zerren unsere Kinder auf den Großglockner – und zwar bitte ganz auf den Gipfel. Genießen fremde Strände und bewundern exotische Vegetation.

Im Alltag aber verkriechen wir uns in trockenen, warmen, sauberen Häusern, putzen mit Sagrotan und beäugeln kritisch den Wetterbericht  – um dann mal lieber drinnen zu bleiben. Gefährliche UV-Strahlung. Regen. Wind! Nein, lieber immer hübsch sauber bleiben. Spazieren gehen ist nur erlaubt, weil der Hund raus muss. Durch den Wald geht es höchstens beim Joggen. An den Fluß nur zum Feiern, baden will man lieber im antibakteriellen Chlorwasser des Schwimmbades.

Der einzige Baum, den viele Deutsche riechen und fühlen ist ihr Weihnachtsbaum. Und selbst den holen sie ins Haus.

Wasser kennen viele Kinder nur aus der Badewanne und dem Wasserhahn. Aber sie haben nie im Regen spielen dürfen. Erde, Lehm und Steine finden sich nur im Blumentopf und der ist Tabu für die Kleinen. Wind gibt es praktischerweise aus dem Ventilator, Licht aus der Steckdose. Sogar das Feuer haben wir uns ins Haus geholt, sicher eingesperrt in einem schicken Schwedenofen. Weil`s ja so romantisch ist.

Wir gehen nur noch raus, weil wir etwas von der Natur wollen, erwarten: Sie dient uns als Laufband, Holzlieferant, Gemüsebeet, Entspannungsoase und poliert unseren Selbstwert auf, wenn wir den Berg bezwungen haben.

Wo das Verhältnis unserer Ahnen zu Mutter Natur noch von Ehrfurcht und Dankbarkeit geprägt war, ist es einer ver/rückten Ansicht verkommen, die Erde beherrschen, ordnen, nutzen und kontrollieren zu müssen. Jedes Unkraut wird gerupft. Jede Schnecke ermordet. In unserer sauberen Welt haben die Bastarde der Natur keine Berechtigung. Dann wieder sorgen wir uns um die armen Vögel und Igel – denen wir durch die akkurate Bepflanzung unserer Gärten zuvor die Lebensgrundlage entzogen haben.

Die Industrialisierung hat die Illusion geschaffen, wir könnten die Natur bezwingen. Sie, die immer um uns ist, uns trägt und nährt und ihre Energien mit uns teilt.

Ist jemals ein Kind auf die Idee gekommen, seine Mutter bezwingen zu müssen, die ihm gerdade den Pfannkuchen hinstellt? Reicht es nicht, dass sie es aus Liebe tut?

Natürlich möchte niemand auf seine Waschmaschine und ein vernünftiges Clo verzichten – niemand möchte wirklich wieder leben wie unsere Ahnen es taten. Der entscheidende Unterschied ist: Wir haben uns durch die Bequemlichkeit unserer Häuser nicht nur aus der Natur zurückgezogen – wir haben uns von ihr abgeschnitten und den Kontakt verloren. Wir haben unser Mitgefühl für sie verloren. Unsere Einheit.

Mal ehrlich: Gehst Du auch nur in die Natur, um sie zu be/nutzen?

Wann hast Du sie zuletzt bewußt wahrgenommen, an ihr geschnuppert, sie bewundert, gestaunt und Dich bedankt? Wann bist Du jemals in die Natur, ohne Zweck, ohne Ziel, einfach, um sie zu erleben?  Die Frage ist: Was gibst Du zurück?

Unser Mutterplanet ist kein Tante-Emma-Laden, in dem man sich nach Laune bedienen kann. Egal, was es kostet, egal, wie viel noch da ist. Diese Erde ist ein Wunder. Und Du bist ein Teil davon. Die Natur ist wie eine Mutter zu uns, sie nährt uns, gibt unseren Füßen Halt. Jeder Tag im Kreislauf des Jahres ist ein Geschenk, ob kalt oder warm, Sonne oder Regen. Und wem danken wir dafür? Im besten Falle knien wir nieder im Gottesdienst und danken dem Herrn der Schöpfung, unserem göttlichen Vater.

Aber was ist mit unserer Mutter? Heißt es nicht „Du sollst Vater und Mutter ehren“?

Wenn wir – wie unsere Ahnen – begreifen wollen, dass wir ein Teil dieses Systems sind, bleibt uns keine Wahl: Wie müssen die Natur, unseren Mutterplaneten, wieder bewußter wahrnehmen. Wir müssen riechen, schmecken, unsere Augen öffnen und mit-fühlen. Wir müssen es aushalten, ihre Wunden zu sehen und ihre Gewalt zu erleben. Wir müssen auch mal frieren oder schwitzen, mit nackten Füßen und bloßer Haut im Schnee stehen. Wir müssen nass und dreckig werden und erfahren: Das halten wir schon aus. Es fühlt sich sogar sehr lebendig an, ein Teil der Natur zu sein. Und dann können wir ja wieder zurück an den warmen Ofen.

Das ist der Grund, warum die Jahreskreisfeste wieder mehr und mehr Anhänger finden: Wir feiern den Jahrenskreis, um Mutter Erde zu ehren. Uns zu bedanken. Und zu begreifen, dass auch unser Leben – wie die Jahreszeiten – weder Anfang noch Ende kennt.

„Mutter unser“, aus: Roswita Stark: Rituale im Jahreskreis, mankau-Verlag

Also, warum haben viele solche Angst im Wald? Weil er die Kathedrale unserer Mutter Erde ist – was wir spüren, ist Ehr-Furcht. Was wir wahrnehmen, sind die allgegenwärtigen, erdigen Energien der Bäume, Kräuter und Tiere. Wir haben Angst, uns zu verlieren und fühlen uns winzig und unbedeutend in der Weite des Waldes. Wir erkennen unsere Bedeutungslosigkeit.

Und doch sind wir hier zu Hause, dort, wo unsere Ahnen Holz für ein wärmendes Feuer fanden. Beeren und Wild als Nahrung. Unterschlupf und Schutz unter dichten Baumkronen.

Die Natur beginnt direkt vor unserer Haustüre. Wir müssen nicht nach Kuba oder Italien reisen. Wir müssen nicht Gleitschirm fliegen, Klippenspringen oder Marathon in den Hochebenen Spaniens laufen. Alles, was wir tun müssen, um wieder in Kontakt zur Erde zu kommen ist: Rausgehen. Ohne Zweck. Ohne Ziel. Einzig, um zu sein. Die Wildnis wartet auf Dich.

Lebe wild und wunderbar.

Deine Sonja

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